Buschka entdeckt Deutschland

Sentimentale Männer, zwei kurze Regen- und ein einziger angenehmer RegeNER-Schauer: ELEMENT OF CRIME im Mainzer KUZ auf ihrer Tour “Immer da, wo Du bist, bin ich nie.”

Veröffentlicht am: 26. August 2011, 4:27

Als ich zwanzig war und in einer WG in Kassel wohnte, machte ich mit Freunden und Mitbewohnern Männer-Nachtwanderungen auf stillgelegten Gleisen, spürte die erste Schwere der Existenz, sinnierte in mondscheingefluteten Parks über große Visionen und bahnbrechende Möglichkeiten meiner persönlichen Entfaltung. Zu dieser Zeit, zwischen´91 und ´93, machte mich mein Zimmernachbar mit der Musik von ELEMENT OF CRIME bekannt. Die Stücke von “Weißes Papier” paßten eigentlich perfekt zu alldem (obwohl Kassel eben nicht Berlin ist), berührten mich mit ihrer sentimentalen Kraft und wohligen Aussichtslosigkeit der Daseinsbetrachtung aber noch nicht, weil ich die nölende Stimme von Sven Regener nicht auf Anhieb in meinem kleinen musikalischen Kosmos unterbringen konnte.

Erst Mitte der 90er fand ich auf einem Karstadt-Wühltisch eine Maxi-CD von ELEMENT OF CRIMEs “An einem Sonntag im April” und dem traurig-schönen “Weil Du nicht da bist”, und nahm sie mit. “Independent” bedeutete also, als Band mit damals bereits sieben Alben auf dem Markt trotzdem auch mal (wohlgemerkt mit einer Maxi) aufm Wühler zu liegen, während LUCILECTRIC und DR.ALBAN Kasse machten. Mein Herz erreichten sie nun jedenfalls, -aber es sollte noch siebzehn Jahre dauern, bis ich sie endlich live sehen würde.

Gestern Abend war es soweit: Nach fünf starken Stücken der Frankfurter Liedermacherin Maike Rosa Vogel (die mich äußerlich ein wenig an die geschätzte Katharina Saalfrank erinnert) betraten Jakob Friderichs an der Gitarre, David Young am Bass, Richard Pappik am Schlagzeug, Christian Komorowski an der Violine, und Gitarrist, Trompeter und vor allem Sänger Sven Regener die Bühne, und spielten vor ausverkauftem Haus ein Open Air-Konzert im Hof des Mainzer Kuz. Es gab ein wirklich großartiges 1 1/2stündiges Set, das dank dreier Zugaben zweistündig wurde.

Um Regeners spätere Ansage, alle Stücke von ELEMENT OF CRIME drehten sich im Grunde um den ÖPNV, vorab zu bestätigen, brillierte als einer der ersten Songs vor allem “Straßenbahn des Todes”.
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Neben Stücken vom neuen Album wie dem amtlichen Schunkler und zutiefst Text-und-Arrangement-dissonanten “Kaffee und Karin”, den Songs “Deborah Müller”, “Euro und Markstück” und “Am Ende denk’ ich immer nur an Dich”, und Straßenfegern wie “Delmenhorst” und der Ballade “Weißes Papier” präsentierte die musikalisch bestechende Kapelle in einer Mischung aus Rock und tränenschwangerem Liedgut auch englische Stücke, u.a. das grandiose Bob-Dylan-Cover “It´s all over now, baby blue”.

Die Legende sagt, ELEMENT OF CRIME habe das englische Texten als Grundlage ihrer Alben mehr oder weniger endgültig an den Nagel gehängt, nachdem sie wegen derselben 1992 als Vorgruppe von HERBERT GRÖNEMEYER von entwaffnend sympathischen, aber bestimmten Deutschrockpuristen ausgebuht worden waren. Ihr erstes deutschsprachiges Album “Damals hinterm Mond” war aber bereits ein Jahr vorher erschienen.
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Seit Herr Regener mit “Herr Lehmann” als Autor die Kinosäle begeisterte, ist ELEMENT OF CRIME endgültig aus der Nestwärme der Independent-Szene herausgewachsen. Dennoch bleibt er nach eigenen Angaben in erster Linie Sänger und Songtexter. Was´n Typ!

Im März dieses Jahres ist sein Buch “Meine Jahre mit Hamburg-Heiner Logbücher” erschienen, das der Nachwelt seine Arbeit als Blogger in gebundener Form überliefert. Auch mein kurzes Treffen mit ihm zur Frankfurter Buchmesse 2008 ist darin -quasi “verschlüsselt”- wiedergegeben: er berichtet in einem Blog einmal über die Dinge, die er nach einem Buchmesse-Tag in seinen Jackentaschen findet, -darunter auch meine “Buschka entdeckt Deutschland”-Visitenkarte. Leider erwähnt er sie nur als “Visitenkarte von Deutschlands erstem StandUp-Reportage-Format”. Ich finde, das macht jetzt aber Jans und mein Format-Baby ENDGÜLTIG “independent” !

Waren Regeners Zwischenansagen gestern Abend auch knapp gesät, erlebte ich das Konzert musikalisch als ein einziges Geschenk. Flankiert, unterhoben und verfeinert von Regeners Trompetensoli und satten Gitarren, schwelgte, schunkelte und sang das sonst eher schwer zu begeisternde Mainzer Publikum zu den mal romantischen, mal tragischen Trinkliedern und post-punken Minneliedern. Finalste und trostloseste Melancholie oder auch auf den ersten Blick hoffnungsvolle Stimmungen wie aus einer Zwischenwelt, die dann doch im nächsten Moment wieder zerbrechlich in Schluchten der eigenen Hilflosigkeit zu stürzen drohten. Wohlfeil-schwärmerische und warmherzige Texte wie “Bei mir geht überhaupt nichts mehr, weil sich alles um dich dreht, seit der Himmel jeden Morgen deine Augenfarbe trägt.” Gänsehaut, schmachten, träumen, kunstvoll resignieren… …und trotzdem rocken!! Danke Musikindustrie, Massenmarkt, danke Karstadt!!

Bericht: Jörg Buschka
Fotos: Ingo Pertramer (freundlicherweise vom Management zur Verfügung gestellt; nicht beim Gig in Mainz entstanden)


INTERVIEW SPEZIAL: Ulrich Tukur

Veröffentlicht am: 16. August 2011, 7:03

Ulrich Tukur im Interview
Jörg Buschka hat mit dem Schauspieler, Sänger und Musiker Ulrich Tukur am Rande seines Programm MEZZANOTTE - LIEDER EINER NACHT am 04. August 2011 in Wiesbaden geplaudert. Tukur trat im Friedrich-von-Thiersch-Saal des Kurhauses auf, im Rahmen des Rheingau Musik Festivals.


Interview Spezial: Ulrich Tukur von buschka_entdeckt


Zu Gast bei Roger Willemsen

Veröffentlicht am: 14. Juni 2011, 6:11

Mit Literatur setze ich mich zwar auseinander, gebe aber zu, mehr lesen zu wollen als ich es dann auch tatsächlich tue. Da kamen mir die Wiesbadener Literaturtage mit dem seit Jahrzehnten liebgewonnenen deutschen Godfather of Hochgeistiges-und-Sprachgenüßliches-dem-Volke-Näherbringen, Roger Willemsen, gerade recht.

Dem multitalentierten Germanist und Welt-Entdecker mit der Offenheit, beim gefilmten Flaschendrehen mit Charlotte Roche auch mal über Analverkehr zu referieren, war ich bisher höchstens auf der Frankfurter Buchmesse oder bei Jazz-Veranstaltungen begegnet, hatte dann jeweils versucht, ihm in den höchsten Tönen und kleinen Zeitfenstern mein “Buschka entdeckt Deutschland”-Projekt näherzubringen. Und immer war er anschließend wieder als Superzeichen des Intellekts in den Brain-All-Stars-Olymp entrückt, ließ in Talkshows lediglich als sein eigener Avatar Informationen über seine Buchprojekte verkünden, und war in der übrigen Zeit einfach bloß dringend nötig und rar für diese unsere real verkümmernde Kulturlandschaft. Wie oft wünsche ich mir Willemsen z.B. bei gleichermaßen bizarren wie den Zuschauer für dumm verkaufenden Sendungen wie “Mitten im Leben” (RTL) als Einblendung seitlich im TV-Bild aufpoppend und wie Jesus im Tempel verbal losdreschend: “Was sendet Ihr da für einen gefakten Scheiß!!!??? Hinfort!!!”. Nein, das ist mir, uns, nicht vergönnt.

Ich schummelte mich also unter die Wiesbadener Lesegeister, um zumindest an drei der neun Veranstaltungen teilzunehmen. Ich beginne mit einer kurzen Umschreibung derer, die ich am neugierigsten erwartet hatte:
Beim Großteil der übrigen Veranstaltungen lediglich Gastgeber bzw. Conferéncier, war Roger Willemsen am 9. Juni zusammen mit Anke Engelke höchstselbst “Top Act”, Objekt der Publikums-Begierde. Im Rahmen des Programms “Mir kocht die Blut!” lasen Beide sitzend im prunkvollen Friedrich-von-Thiersch-Saal des Kurhauses wechselweise im Dialog und in Form kleiner Vorträge über Querulanten der Weltgeschichte, von Xerxes bis zum Hotelbesucher, der durch zunächst verfrühten Beschwerde-Briefverkehr mit der Direktion des Hauses und eine spätere Verkettung ungünstiger Zuständigkeiten und Dienstpläne gefühltes Opfer einer “Seifen-Attacke” wird, in dessen Verlauf Unmengen von Gratis-Hotelseifestücke in seinem Badezimmer deponiert werden, was ihn schließlich entnervt und kleinlaut einknicken läßt. Trotz der grandiosen Besetzung und freudiger Erwartung hatte ich zunächst Mühe, mich durch die ersten Minuten der Einleitung hindurchzukämpfen. Ein im durchschnittlichen Rezeptions-Alltag schlicht nicht mehr existentes, erhöhtes Mindestmaß an Aufmerksamkeit war vonnöten, alle wohlgewählten und für sich jeweils großartigen Einleitungs-Bilder angemessen verarbeiten und verorten zu können. Gelegentliche Bauch-Worte wie “Schinken-Titte” warfen allerdings rettende Entertainment-Taue aus. Besagte Seifen-Geschichte und weitere äußerst unterhaltsame Einsichten in die Hirnwindungen notorischer Nörgler und Korinthenkacker hielten das Schiff in Fahrt und auf Kurs, begleitet von gekonnten Willemsen´schen Wort-Exaltationen und -Kombinationen, die ich hier nicht ansatzweise aus dem Kopf schildern kann, samt feinster Engelke´scher Schauspielkunst, die sich in gewohnt überraschenden Stimmungs-Änderungen und Anwendung aller denkbaren Dialekte austoben konnten. Allerdings hätte es dem Projekt zwischen den Auszügen aus Gerichtsakten, Geschichten um immer neu aufflammende Unterlassungsklagen, nach denen eine Hundehalterin endlich den vermeintlichen plumpen Rufmord gegenüber einem Tierarzt zu stoppen habe, bis hin zu herrlich kuriosen Beschwerden bei Stadtbusbetreibern und Kalauer, die selbst Michael Jackson und seinen “Hausarzt” nicht verschonen, gut getan, wenn Anke Engelke und Roger Willemsen zwischenzeitlich auch mal ihr Script beiseite gelegt hätten, aufgestanden wären und improvisiert hätten, -einander in die Haare gegangen wären, so wie es zum Schluß ansatzweise passierte. Insgesamt eine Veranstaltung, die mir Spaß gemacht und -schon durch ihr Tempo und die Menge an Gedankenbildern, von Willemsen “Literarische Landschaften” genannt- vergessene Synapsen zum Glühen gebracht hat, mit dem zurückbleibenden Durst nach noch mehr sichtbarer und improvisierter Eskalation.

Zuvor, am 5. Juni, hatte ich bereits “Die Andere Seite Des Jazz” im schönsten Kino der Welt, dem Caligari, besucht. Nach einer kurzen Einführung von Roger Willemsen betrat Schauspieler Matthias Brandt die Bühne, machte es sich an einem kleinen, spärlich beleuchteten Tisch bequem, und gab die Leinwand frei, auf der, im perfekten Wechsel zu seinen gelesenen Auszügen aus “Blue Notes”, Filmausschnitte und Bildcollagen der portraitierten Jazzer zu sehen waren, deren Kampf gegen rassistische Diskriminierung die Veranstaltung -neben humorvollen, teils grotesken Anekdoten und wunderbaren Musikstücken- beleuchtete. Gleich nach einer persönlichen Einleitung, in der Brandt die Eigung der Musik zur Unterstützung bei Beziehungs-Anbahnungen beschwört hatte, war ich im gemütlichen roten Plüschsitz versunken, und befand mich irgendwo im wilden Amerika der 1950er Jahre. Ein schwarzer Jazz-Musiker geriet in einer Hotellobby mit einem Weißen in einen folgenschweren Streit, der aus nichts als Vorurteilen geschürt, schließlich zum kriminellen Akt und ins Chaos führte. Von Brandt stimmungsvoll und spannend vorgetragen aus einer Art Tagebuch. Danach wieder Musik. Eine Trompete, der so typisch gezupfte Bass, und ein Piano bestimmten den Sound.
Dann ließ Brandt das Publikum direkt neben Miles Davis in den 1980er Jahren bei einem Empfang im Weißen Haus Platz nehmen. Was als illustre Backstage-Geschichte begann, wurde schnell zum Alptraum. Im Gespräch mit Kollegen brachte Davis zum Ausdruck, wie verlogen er die Gesellschaft um ihn herum empfinde, und wo er noch immer Diskriminierung spüre, -nicht ohne dabei auch selbst ungerecht, verbittert und bisweilen wunderlich zu handeln. Die passende, nachfolgende Musik beleuchtete diese Stimmung dann wieder von einer ganz anderen Seite, bereicherte die sinnliche Erfahrung. Doch neben bloßem Genießen blieb nun eine Ahnung, daß das alles andere als eine heile Musiker-Welt gewesen sein mußte. Weitere Geschichten folgten; eine davon handelte von einem brutalen schwarzen Bandleader, der -wenn auch in unterhaltsamen Anekdoten fast schon sympathisch verklärt- keine Diskriminierung “brauchte”, um den Alltag seiner Kollegen zu erschweren. Für Nicht-Jazzer wie mich, der nach solchen Abenden die Details und Stücke leider oft gleich wieder vergißt, war es ein Geschenk, wie gekonnt Matthias Brandt in der Lage war, die so unterschiedlichen Anmutungen und Situationen der “Blue Notes” auf ganz besondere Weise vorzutragen. Ob zur Abwechslung auch Drogen-Geschichten des weißen Chet Baker oder Momentaufnahmen aus dem Leben der afroamerikanischen Sängerin Billie Holiday, -dank der feingewählten Zusammenstellung der Medien, die neben Filmausschnitten genügend Raum für eigene Bilder ließ, war der Abend mit Matthias Brandt eine verführerische Reise in die Köpfe einiger bedeutender Jazzmusiker, mit musikalischem Landgang ins eigene Gefühl.

Das Highlight war für mich aber am 8. Juni die Veranstaltung “Voller Entsetzen, Aber Nicht Verzweifelt” in der Wartburg, mit ausführlicher Einführung von Regisseur Thomas Ebermann und darstellender Lesung von Robert Stadlober über die Tagebücher des jüdischen Autors, Kritikers und Regisseurs Mihail Sebastian, der als “Anne Frank Rumäniens” Antisemitismus und Verfolgung im Rumänien der 30er und 40er Jahre mit- und überlebt hat. Zunächst abgeschreckt von der NS-Thematik, die selbstredend als fortlaufende Mahnung in allen Medien prominent behandelt werden muß, gleichzeitig aber auch inflationär auf uns einzuprasseln scheint, -Garant für jeden Fördertopf und jedes Festival-, ließ ich mich ein auf die Veranstaltung und die einführenden Worte Willemsens, es handle sich um eine wahre Herzenssache, und wurde durch einen wirklich berührenden Abend belohnt. Thomas Ebermann nahm sich anfangs alle Zeit, um die Figur Sebastians zu beleuchten, der neben seinem klaren und wachsamen Verstand nur durch ein Zusammenwirken aus persönlichem Netzwerk einer Achse Paris-Bukarest, gesellschaftlichem Status als Autor, und schließlich der stetig wechselnden politischen Situation in Rumänien zwischen Eiserner Garde, Antonescu und Nazideutschland, sowie dem rechtzeitigen Eintreffen der Roten Armee (die wegen denkbarer Racheakte 1944 bei der rumänischen Bevölkerung genauso gefürchtet war wie zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Nazideutschland ), überlebte. Tragischerweise starb er 1945 bei einem Autounfall.
Robert Stadlober schaffte es dann in einer spürbar empathischen Annäherung an das Gemüt Sebastians, in einer Figurenzeichnung aus beruflichen Freuden und Enttäuschungen als Autor und Theater-Regisseur, sowie der Teilnahme an intimsten Momenten zwischen dem Filou und der von ihm aussichtslos haßgeliebten Schauspielerin Leni Caler, der dieser z.B. im Beisein ihres ahnungslosen Mannes unter dem Tisch zeigte, was die irdene Existenz so alles an Wollust bereithielt, Nähe zum Publikum zu gewinnen. Gehalten wie ein Theaterstück in zwei Blöcken/ Akten, mit Schwarzblenden und den Stationen Arbeitszimmer (Schreibtisch), Lokal (Clubtisch), Liebeslager (Chaiselongue), sowie nach einem Umbau einem kargen Hocker im Hintergrund. Neben dem “bloßen” Lesen im Sitzen stellte sich Stadlober aber auch direkt vorn an den Bühnenrand zum Publikum, verlieh in diesen Momenten -wie auch beim Liegen auf dem Sofa, legerem Weintrinken und Rauchen auf dem Hocker, und gedankenversunkenem Arbeiten am Schreibtisch- der Figur eine alles verstärkende, physische Präsenz.
Ich konnte somit an diesem Abend selbst Zeuge sein, wie Sebastian den enormen gesellschaftlichen Umbruch Rumäniens während des ohnehin latent präsenten, in den 1930er Jahren aufflammenden Faschismus und den Bombenangriffen der Deutschen und Russen durchlebte, Gängelungen, Brutalität, Massenenteignungen und Deportationen beobachtete, die ihn einerseits angesichts jüdischer Freunde und Familie zum Handeln zwangen, und andererseits in ohnmächtigen Aktionen wie dem Besuch eines gespenstisch “normalen” Konzertabends resignierend verharren ließen, wie als Luftholen zwischen endlos langen Tauchgängen. Schließlich war auch er selbst in konkreter Gefahr. Nachdem Stadlober dem Publikum in amüsanten Episoden z.B. den Spaß und die Erholung Sebastians am Skisport vermittelt hatte, litt man nun mit der Figur, als es für diese nicht nur hieß, im Rahmen “Rassischer Verfügungen” seine Skier abgeben zu müssen, sondern Sebastian hatte sich selbst zur Deportation einzufinden, -was dem Publikum als Annäherung durch die Beschreibung schlafloser Nächte vermittelt wurde, -unruhig aus heilloser Angst vor dem, was kommen würde. Stadlober gelang es gekonnt, mich an dieser fremden, unheimlichen Erlebenswelt teilhaben zu lassen. Mit allen einleitenden und umgebenden süffisanten bis frivolen Geschichten, die wie vom Flair der Berliner Goldenen Zwanziger zu erzählen schienen. Nur für mich weiterhin unfaß- und -greifbar -wie auch schon die Berichte einer 83jährigen Freundin aus Berlin, die als Kind zufällig den Todesmarsch des KZ Sachsenhausen-Oranienburg mit angeschaut hatte- bleiben Sebastians Beobachtungen von Zwangs-Sammlungen zur Deportation. In Farbe und eben “in echt”, nicht bloß als immer wieder ausgestrahlter Filmschnipsel, an dem ich mich irgendwann “stumpfgesehen” habe. Eine Herzensangelegenheit also nicht bloß, sondern auch eine persönliche Begegnung mit einem so lebendig Schreibenden, daß es ihm gelungen ist, Einiges seines Erlebten in unsere Zeit hinüberzuretten. Überaus spannend und gefühlvoll transportiert von Ebermann und Stadlober!

Et is also gelungen, einem zeitweise-Lesemuffel dat Geschriebene-an-sich wieder näherzubringen! Vielleicht gelingt es in Zukunft ja z.B. durch nicht zwingend kostenintensive Begleitaktionen, auch noch-lese-fernere Nasen als mich in die Spielstätten und Lesesäle zu holen! Es muß nicht Alles noch immer weiter massentauglich zerkaut und anbiedernd als Entertainment Fast Food dargebracht werden, aber ein Hauch Elitesse wehte bei den von mir besuchten Veranstaltungen doch durch die Reihen, und den gilt es, mit Offenen Konzepten noch mehr mit Interessiertem Pöbel anzureichern! Roger Willemsen kann genau solche Kunststücke vollbringen, -er muß auch 2012 unbedingt wieder Papa und Grundpfeiler der Veranstaltung sein!

Bericht: Jörg Buschka


Grandiose Dritte Runde

Veröffentlicht am: 6. Dezember 2010, 1:05

Was eigentlich wohl eher eine Lufthol´-Pause zwischen zwei Alben war, gilt in unserer musikalisch gesehenen Speed-Dating-Zeit nu schon als “Comeback”: JULI haben am 29. November in Neu-Isenburg ihr neues Werk “In Love” live vorgestellt.

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Gefühlt waren etwa 1.500 Leute gekommen, die kuschelige Hugenottenhalle war nicht ganz voll. Den typischen Juli-Fan im Publikum auszumachen, schien mir unmöglich, denn es waren von fünf bis achtzig alle vertreten. So, wie´s der Legende nach sonst eher bei PURens zugehen soll. Allerdings hat diese Crowd weder Gas gegeben, noch mal richtig mitgesungen. Einzig beim größten Hit “Perfekte Welle”. Was´n lahmer Haufen! Nicht genug: um mich herum, meist so in der zehnten Reihe, wurde während der Songs laut gequatscht - auch bei Balladen. Das hatten JULI nicht verdient, denn, was sie an diesem Abend live vorstellten, war wirklich gut! Eva Briegel und ihre Jungs präsentierten eine klasse Mischung aus ihren drei bisherigen Platten mit Leidenschaft und Gefühl.

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Bei soviel Zufriedenheit auf meiner Seite nur wenig Kritikpunkte: Der Sound war über lange Strecken nicht gut gemischt und einfach zu laut. Das Set leider ein wenig kurz: inklusive Zugaben dauerte es nur 90 Minuten. Die 1-Mann-Vorgruppe, der deutschsingende Australier “Dyko”, konnte mit seiner nach meinem Geschmack zu wenig mit wirklich Neuem und Eigenem aufwartenden Mischung aus Spätsiebziger-Elektro und Video/Diashow-Karaoke vorab die lahme Menge kaum anheizen.

Daumen hoch: der neue Elektro-Einschlag bei den Gastgebern selbst bereichert den JULI-Flow, reißt aber -glücklicherweise- keine Mauern des innerhalb der letzten sechs Jahre wohlig eingerichteten, typischen Klanggebäudes der Fünf ein.

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Hinter ihnen flimmerten auf zehn nebeneinander platzierten LED-Blöcken chique monochromatische Animationen im Stil der C-64-Generation, über den ihre Sache sichtlich gern und hörbar gut machenden Musikanten dimmten mehrere dutzend Leuchtkugeln Glühwürmchen gleich variabel zur dargebotenen Kunst.
Das Set wurde eröffnet mit der neuen Single “Immer wenn es dunkel wird”, gefolgt vom zweiten großen JULI-Hit “Geile Zeit” - und auch im weiteren Verlauf haben Frau Briegel und ihre Herren eigentlich alles “richtig” gemacht. Leider ging das nicht mit diesem Publikum zusammen. Diesbezüglicher Höhepunkt: das dem aktuellen Album namensgebende Stück “In Love” wurde im Vergleich zur Platte sehr zurückgenommen und leise präsentiert - zart hauchte Eva mit einem Schlägel filigrane Xylophon-Töne dazu in die mal wieder abwesend quatschende und die Stimmung leider ganz und gar nicht mittragende südhessische Menschentraube.
Sehr viel besser klappten das bombastisch daherkommende neue Stück “Maschinen” und das sehr clubbig servierte, ebenfalls ofenfrische “Süchtig”, das dann selbst diese steife Masse zum Hüpfen brachte.
Für mich zeigt JULI aber -auch auf den Alben- seine ganz große Stärke in den längeren Stücken, die eben nicht als knackische, laute und somit massentaugliche Single ausgekoppelt werden. Meist Balladen. Entsprechend außergewöhnlicher atmosphärischer Höhepunkt bei diesem Konzert: das neue Stück “Du lügst so schön”. Fazit: Das neue Material gefällt mir live sehr sehr gut, JULI liefern mit nun drei starken Alben im Rücken eine erstklassige Show, die längst allein “laufen kann”, und von mehr lebt als bloßen Radio-Hits.

Bericht: Jörg Buschka
Fotos: Sinisa Becanovic


Anna und ihre Jungs aus’m All

Veröffentlicht am: 18. Juli 2010, 11:20

Wer sich einigermaßen für Deutschrock interessiert, kennt auch DDR-Bands wie City, Karat, und natürlich Silly, stark und schillernd verkörpert durch Frontfrau Tamara Danz. Nach ihrem Krebstod 1996 schien die Ära Silly vorbei - bis die längst noch nicht spielmüden Herren Hassbecker, Barton und Reznicek 10 Jahre später Gastsängerinnen und -sänger um sich versammelten, und als “Silly & Gäste” auf Tour gingen. Schließlich wurde daraus die Große Liebe zu Schauspielerin Anna Loos, die seitdem das sängerische Erbe von Tamara Danz angetreten hat. Im März erschien das erste Album in der neuen Besetzung - mit komplett neuen Songs, die das Silly-Repertoire ab sofort erweitern werden.
Am Freitag landete dieses “Ost-Ufo” nun im Mainzer Volkspark, und verzauberte das beglückte Wessi-Publikum südlich des Rheins.
Anna Loos wirbelte im schwarzem Top, knackiger kurzer Jeans und Netzstrumpfhose über die Bühne, und die Herren standen so braungebrannt, langhaarig, ledrig und schlicht präsent auf der Bühne, als hätte es nie etwas anderes als die aktuelle Formation gegeben.
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Das lauschig-gemütliche Open-Air-Gelände war allerdings nur mäßig besucht, gefühlte 2.000 Besucher schienen es mir zu sein. Vor der Bühne hätte man locker grillen können, und es dauerte eine ganze Weile, bis der Funke übersprang. An Silly selbst lag es nicht - die Altherren mit wohlgewählter und gutgelaunter Gesangsdame nebst weiteren Livemusikern gaben von Anfang an alles; Anna schenkte mir bloß das gesamte Konzert über nicht mal einen Blick, obwohl ich in der zweiten Reihe stand - hm… …Einzelschicksal.
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Die neue Formation brachte gleich zu Beginn selbstbewußt ganze sieben Stücke des neuen Albums ALLES ROT hintereinander - und das Experiment funktionierte, auch dank der wunderschönen Ballade “Findelkinder” und der starken ersten Single “Ich sag nicht ja” in diesem Block.
Dann packte mich die Ostalgie: ich hörte DEN Klassiker “Mont Klamott” zum ersten Mal live! Auch wenn Wildfang Anna Loos mit ihren hin- und hergeworfenen Haaren und ganz eigener Persönlichkeit damit Tamara Danz nicht kopierte, hatte ich manchmal ein wenig das Gefühl, die löwenmähnige DDR-Rockerin vor mir zu sehen. Für mich kein Widerspruch. Schöne Momente. Es folgte ein Block aus der Elektroakustik-Tour, “Flieg”, “Verlorene Kinder” und “So´n kleine Frau”.
Etwas später funktionierte dann überraschenderweise der neue Song “Kapitän” live viel besser als auf dem Album, wo ich ihn gern mal überspringe. Eine Anspielung auf die nicht genügend wahrgenommene Verantwortung der aktuellen Regierung sei das, ließ uns die Band dazu wissen.
Toll dann auch der Silly-Klassiker “Wo bist du” und das Titelstück des neuen Albums “Alles Rot”.
Als Zugabe und gleichzeitig mein persönliches Highlight dann: “Bataillon d´amour”-für mich DER Silly-Song schlechthin.
Nach “Leg mich fest” dann zum Abschluß das Tamara Danz gewidmete Stück “Sonnenblumen”, wunderschön!
Mit einer Spielzeit von 1 Std. 50 Min. hätte das Set für mich ruhig noch etwas länger sein können. Wie gesagt, sprang der Funke erst recht spät über, vielleicht erst kurz vor den Zugaben. Die Mainzer waren locker geworden, hatten sich eingegroovt. Annas Appelle wie “Wenn Euch ein Song gefällt, ist es völlig ok, den mitzusingen!” griffen leider erst zu dieser “späten Stunde”. Man hat sich beschnuppert und mögen gelernt - und ich glaube es der Band, wenn sie sagt “wir kommen auf jeden Fall wieder, Mainz!”. Also nächstes Mal von Anfang an ein bissi mehr Feuer im Arsch, liebes Publikum! Diese Band hat es verdient! Chapeau!

Bericht und Fotos: Jörg Buschka


Showgirl Marga Behrends gestorben

Veröffentlicht am: 2. Juni 2010, 1:26

Meine liebe Freundin Marga Behrends, Deutschlands ältestes Showgirl, ist Donnerstagmorgen den 20. Mai 2010 mit 102 Jahren friedlich in ihrer Wohnung in Berlin Kreuzberg eingeschlafen.
Sie war im Berlin der 1920er Jahre u.a. im Admiralspalast und auf anderen Showbühnen als Tänzerin aufgetreten, und ich durfte einige ihrer letzten Geburtstage mit ihr und einer wilden Truppe aus Musikern, Tänzern und Freunden feiern.
Danke, Marga, für die vielen schönen Feierstunden mit Dir! In der Berlin-Episode von B.e.D. ist ihre 99. Geburtstagsfeier von 2006 und ein Interview von 1998 zu sehen.

Wir werden Marga sehr vermissen - und im Himmel geht die Party jetzt erst richtig los!!


Schuld am Feiern

Veröffentlicht am: 22. Mai 2010, 12:18

Für einen Moment war es so als ob. Gleich würden sie mit fettem Bass “Es wird Regen geben!” verkünden. Wie 1993 halt, da hab´ich sie in der Messehalle Kassel gesehen. So jung wie die Fantastischen Vier jetzt Donnerstagabend im Dortmunder FZW mit dem neuen Stück “Wie Gladiatoren” die Bühne betraten, haben sie jedenfalls schon lange nicht mehr ausgesehen. Nur das ausschließliche Teeniegeschrei von damals ist etwas abgeebbt. Nu sind auch jede Menge Fast-Vierziger-Senioren wie ich dabei.
Der Gig war der letzte von drei exklusiven WarmUp-Shows im seltenen Club-Ambiente, nicht mal eine Woche nach der Veröffentlichung des neuen Albums “Für Dich Immer Noch Fanta Sie”. Vor den großen SommerOpenAirs und der HerbstTour wurden die Songs mit Live-Band zum ersten Mal vor Publikum gespielt.
Auf der für die Deutschrap-Papas vergleichsweise kleinen Bühne glänzte ein zweistöckiges, rechteckig unterteiltes LED-Arrangement mit einer zweiten Ebene in der Tiefe. Für die Frontmänner Michi Beck, Smudo und Thomas D. um ihren “Paten” Andy Ypsilon fast schon minimalistisch, aber tres superchique zu ihrer Performance.
Gleich beim zweiten Stück, der aktuellen Single “Gebt Uns Ruhig Die Schuld (Den Rest Könnt Ihr Behalten)”, gab´s die gesamte LED-Leuchtpower auf die Augen des gut gestimmten Feiervolks - und der Song ging entsprechend ab, als wär´s ein Klassiker wie “Populär”. Glanzstart.
Es war ein wirklich kuscheliger Abend mit ca. 1.400 Zuschauern.
Nachdem ich mich mit den am Eingang kennengelernten original Dortmundern Kerstin und Sven zum Kopfnicken und Hüpfen in die Crowd gestürzt hatte, war ich vor allem neugierig, wie weit sich eine echte Clubatmosphäre einstellen würde - eben auch mal deutlich weg von einstudierter (wenn auch gewohnt guter) Performance der Herren Rapper hin zum Quatschen mit der Ersten Reihe bzw. untereinander. “Tuchfühlung” hielt sich mit “Pflicht-Programm” am Ende in etwa die Waage. Es wurde einem Paar im Publikum zum Hochzeitstag gratuliert, von Smudo traditionelles StageDiving gepflegt, und sich eben lustigst mit Leuten in den vorderen Reihen ausgetauscht oder “in der großen Runde” bekanntgegeben, daß während der “tollen (fast-) Woche in Dortmund” entgegen gängiger Tour-Klischees natürlich keine Drogen konsumiert worden seien. “Außer vielleicht was geraucht”, wie Thomas einwarf. Den durch die Bank inzwischen häuslich gewordenen Vätern glaube ich das aufs Wort.
Offensichtlich am meisten Spaß mit sich und der Welt hatten die Jungs ausgerechnet beim lauschigsten Stück “Tag Am Meer”. Smudo fiel vor Lachen fast die Handtrommel (oder wie das heißt) mit dem Sand aus der Hand. Der Song klang dadurch nicht weniger intim, schmusig vertraut eben. Seit 16 Jahren schaukeln uns diese Soundwellen jetzt schon sanft die Popos am imaginären Strand in die Höhe, it´s magic! Backflash 1994.
Der übliche Fanta-Party-Wahnsinn breitete sich wie immer bei “Picknicker” und “Was Geht” aus - die Hütte tobte bis unner de Deck - es war voll, aber ohne totales Gedränge. Superangenehm.
Auch Einiges vom Vorgänger-Album “Fornika” und den neuen alten Klassiker “Troy” gab´s zu hören.
Das wirklich Besondere dieses Club-Gigs: die neuen Songs waren noch so frisch, daß sie trotz der punktgenauen Choreografien und gewohnten Professionalität der Altmeister hier und da textlich hakten. Das war die Authentizität, die ich persönlich sehen wollte - teilweise gefühlt eben noch wie mitten in der Probe.
Über das Set verteilt gab es 11 der 16 neuen Songs zu hören, darunter zwei größere Blöcke. Neben sofort gefeierten Selbstläufern wie der Thomas-D.-Nummer “Mantra”, dem großartig intonierten FastRap “Smudo In Zukunft”, und dem perfekten Schlußtrack “Was Wollen Wir Noch Mehr” wollten auch weniger eingängige Songs gespielt werden. Während das bombastelnde “Kaputt” ebenfalls schnell Freunde fand, hatten es “Die Lösung” und “Junge Trifft Mädchen” nicht ganz so leicht. Letzterer allerdings in der Live-Version deutlich stärker als auf dem Album. “Garnichsotoll” plätscherte für mich noch ein wenig vor sich hin, dafür hatte der Club bei “Dann Mach Doch Mal” eine neue Fanta-Hymne: “Jeder würd´es machen, wenn es einfach wär!”.
Gespielt wurde fast genau 2 Stunden. Am Premierentag zwei Tage zuvor hätten die Herren allerdings deutlich länger gespielt, verriet mir Jemand von der Garderobe. “Hömma, et gibt wohl immer wat zu meckern”, meinte eine dazugekommene Backstage-Maus gleich, und hatte natürlich Recht… Das neue Album gefällt mir super, es ist offener und experimentierfreudiger als sein Vorgänger “Fornika” - und den Shows der erfolgsgekrönten sprechsingenden Männer tun die neuen Stücke wirklich gut.
Der Festival-Sommer kann kommen!

Bericht: Jörg Buschka


Folklore 009

Veröffentlicht am: 31. August 2009, 6:54

Mensch, Kinder, schon wieder´n Jahr rum - am Wochenende bin ich erneutest auf dem Folklore-Festival-Gelände in Wiesbaden flaniert. Diesmal mit dem Focus auf Leute-Treffen anstatt Konzerte schauen. Das Besondere wie immer: die Mischung aus Jahrmarkt und Open Air Festival bietet angenehmes Flair für Einzelentdecker, kleine Gruppen, und eben auch ganze Familien. Neben dem offiziellen Programm hat das Zusammensein derart unterschiedlicher Besucher für mich vor allem seinen Charme durch die jungen Familien. Kinder, die einfach zufrieden spielen, nörgelnd um buntes Ökospielzeug von ´nem Stand betteln, oder applaudierend Spaß an einem der kindgerechten Bühnenprogramme haben. Meine Beobachtungen: der Freitagnachmittag begann für Festivalhungrige leider zunächst mit einer bösen langen Schlange am Einlaß. Da entstand - trotz aller guter Gesamtorga - ein Nadelör, über das sich Viele später genervt bei Drinks, leckeren Multi-Ethno-Snacks oder sensationellem Bio-Eis im Gespräch ausließen. Mißfallen über “zu viele kleine Stände” kann ich hingegen nicht verstehen; im Gegenteil: besonders der immer noch etwas stiefmütterlich besuchte Bereich hinter dem Schlachthof erstrahlte in diesem Jahr durch die schmucke Kleinkunst-Bühne (gut; da fand auch Poetry Slam statt, was ich persönlich weniger mag), einer Elektro-Area im kueschlischen Sand, ´ner Reihe weiterer kulinarischer Angebote, im Military-Look ausstaffierte Reggae-DJ-Turntables, sowie der Open-Stage-Kreativfabrik-Bühne in einem ganz neuen Licht. Die bauliche Veränderung des Geländes vorm Turm gefällt mir allerdings nicht. Fast schon stalinistisch tradiert anmutende, lange Betonklötze - treppenförmig angelegt - sollen zum Sitzen einladen (stattdessen Hämmorhoiden- und Blasenentzündungs-Gefahr). Was hat die Stadt da bloß angestellt? Gut, kann Folklore ja nix dafür. Fettes Brot habe ich mir am Abend auszugsweise angeschaut; Thema u.a. “Stasi 2.0″. Alles perfekt; Technik angenehm, Band in Hochform, Stimmung auf´m Platz! Die Hauptbühne stand dieses Jahr für das Gelände gesehen optimal - für die Stände am Eingang allerdings manchmal störend; gemütliches Flanieren litt teilweise unter der Lautstärke vom Konzert. Im Schlachthof selbst war ich kaum, weil mich persönlich - trotz des richtig (!) guten Musik-Angebots wie z.B. rumänischer Klezmer-Mucke aus Berlin - bei ´nem Open-Air-Festival eben eher das Außengelände reizt. Natürlich bietet sich logistisch die Kombi perfekt an. Bei ´ner Mini-Stippvisite in der Räucherkammer war´s mir zu stickig. Obwohl das Rauchen in solchen Bereichen inzwischen verboten ist - die Luft stand zu sehr und roch säuerlich nach allen Schweißsorten des Universums. Tolles Feature ´09: ein Erlebnis-”Flug” in einer krangehobenen Kabine bis hoch oben über der Hauptbühne. An der Neugestaltung des Geländes gefallen mir die beiden großen Sandflächen, die es flankieren. Eine als Kulisse der schon erwähnten Elektro-Area (samt Tipis), die Andere direkt hinter dem Eingang, ebenfalls von Tipis gesäumt. Im übrigen Jahr zum Beachvolleyball gedacht - mit entsprechender fester Pfosteninstallation. Da haben die Stadtväter mitgedacht! Ebenso bei den metallverstärkten Skaterblöcken in unmittelbarer Nachbarschaft.
Zurück zum Geschehen: nach Fettes Brot bot sich mir auf der großen Bühne eine Kabarettveranstaltung dar, die ich nicht verstand. Eine schwarze, über die ganze Bühne gezogene Wand, in deren Mitte sich eine weiße Tür befand. Daraus kamen lustig Personen mit schwarzen Koffern, gingen wieder hinein, änderten ihre Gangart, schlurften aneinander vorbei, oder standen zusammen und sangen russische Lieder. Als Kulisse zum lockeren Kennenlernen zweier aparter Eisenacher Damen erwies sich mir der Auftritt dann aber immerhin als hilfreich. Highlight am Samstag waren für mich auf der großen Bühne die Lokalmatadoren Frau Doktor, die im noch bei Tageslicht stattfindenden Vorprogramm von Mediengruppe Telekommander die Festivalmeute zum Springen brachten. Wagner Love habe ich leider verpaßt - zum Trost sehe ich die gut rockenden Jungs privat so ziemlich jedes Wochenende im Gestüt Renz. Die Mediengruppe mag isch net. Beastie-Boys auf Deutsch, gingen mir vor Jahren schon auf´n Keks, und so war´s auch dieses Jahr. Hab´in der Zeit am Newcomer-Stand von Clöeb und Fasan mit Kollegen und netten Partymäusen geplaudert, und Leckeres vom traditionellen Edel-Afghanen geknuspert. Danach auf der großen Bühne die Hammer-Lachshow von Maschek. Drei Jungs intonieren TV-Berichte neu, z.B. die Einweihung einer Halle durch den Papst samt “nachsynchronisiertem” Kinderchor. Klar ein Höhepunkt des Festivals. Das Trio Sorrentino ebenfalls der Knaller, und unterwegs auf de Gass Theater Gajes, eine Horde brüllend komischer szenemachender Holländer Stelzenläufer in schrägen Westernklamotten und die bezaubernden Pilze vom Theatre de la Toupine. Getränke-Muß: der leckere Club-Mate bei den Freunden vom Chaos Computer Club (nebbe de Kreativfabrik). Am Sonntag kam ich quasi zu spät. Um die große Bühne herum Rockabillies und Teds, Mussik von den Londonern Kitty, Daisy & Lewis. Stimmung weltklasse. Knappes Fazit: Musikprogramm (kann ich dieses Jahr kaum beurteilen; soweit ich´s mitbekommen habe aber:) vielfältig, also erfolgserprobt und auch genügend Neues (was viele riesige Straßenfeste wie das Darmstädter Schloßgrabenfest inzwischen nicht mehr haben; stattdessen nur totgeleiertes Coverzeugs). Gelände steriler und kühler durch die finale Gestaltung der Stadt Wiesbaden, allerdings schön belebt durch die neue Stände-Aufteilung der Folklore-Veranstalter. Auch im dritten Jahr nach Folklore im Garten kann das erweiterte Schlachthofgelände das Schloß Freudenberg für mich einfach nicht ersetzen, aber wenn es darum geht, hier durch Programmgestaltung und nach wie vor superfaire Eintrittspreise (kein Vergleich zum “elitär” gewordenen Open Ohr in Mainz) eine besondere, bunte Atmosphäre zum Wohlfühlen und Erleben zu schaffen (und das Ding war ja auch bis auf Sonntag wieder richtig gut besucht!), dann ist das 2009 wieder absolut gelungen!

Bericht: Jörg Buschka


Michael Jackson

Veröffentlicht am: 26. Juni 2009, 1:19

Michael Jackson war ein großer Teil meiner Jugend, und deshalb hat mich die Nachricht von seinem Tod schwer getroffen.
Ich war von 1988 bis 1999 auf insgesamt 13 seiner Konzerte (BAD-, DANGEROUS-, HIStory-Tour und MICHAEL JACKSON & FRIENDS), u.a. in Amsterdam, Kopenhagen und Prag. Auf dem Prager Eröffnungskonzert der HIStory-Welttournee 1996 z.B. habe ich Jackson mit 130.000 Fans live gefeiert.

Ich hatte schon so eine Ahnung, daß er die anstehende “Comeback”-Tour (die ja nur eine gezwungene Not-Einkunft war, um seine Schulden abzahlen zu können) vielleicht nicht überstehen würde, da er schon vor zehn Jahren bei Konzerten zusammengebrochen ist. Nun hat ihn die über-eiserne Disziplin, die ihm als 5jähriger schon sein Dad eingeprügelt hat, offenbar das Leben gekostet.

Bei meinen ersten MJ-Konzerten 1988 hatte ich noch keine Konzert-Erfahrung; sprich: nicht genug Wasser dabei, so daß ich zwar bei der Vor-Diva Kim Wilde noch ganz vorn stand, bei Jacksons Auftritt aber nach hinten gehen mußte. Dumm.
Später, ab der DANGEROUS-Tour ´92, packte ich dann schon “strategisch richtig” Proviant, und die richtigen Getränke zur richtigen Zeit (Anfangs beim Warten vor dem Stadion noch Wasser, weil man sich mit den anderen wartenden Fans absprechen konnte, das WC zu besuchen, ab Einlaß dann nur noch Saft und kleine Trinkpäckchen, die durch die Einlaßkontrolle kamen). Sprich: morgens um 5h vorm Einlaß warten (da, wo Andere sogar übernachteten), und ab 16h darauf gefaßt sein, daß mich ein Aufstehende-Menschen-Tsunami zum Einlaß peitscht. Die Drückerei war beim 130.000-Zuschauer-Konzert in Prag (ohne “Wellenfänger”-Absperrungen und “Pool Position”!!) sogar lebensgefährlich. Ich habe Rippenbrüche mitbekommen, mußte selbst 1997 mal mit einem Notarztwagen aus dem Kölner Stadion gebracht werden, weil ich beim Sturm auf den Innenraum mit dem Fuß umgeknickt war (bin NACH dem Konzert erst zum Arzt ;) ). Enge, Quetscherei, Hitze, viel “De-Eskalations-Taktiken” lernen, und immer wieder Anekdoten von anderen Fans mitbekommen. So fand das Konzert eigentlich den ganzen Tag über schon statt.

Viele Konzerte konnte ich aus der zweiten Reihe verfolgen, was unglaublich war, weil Jacksons energetische Moves besonders aus der Nähe eine wirkliche Attraktion waren. Allem voran natürlich der Moonwalk.
Manko: Seit der 1992er Tour sang Jackson immer weniger live. Mein alter MJ-Fan-Weggefährte Florian und ich waren dann 1996 bei der Premiere der HIStory-Tour umso enttäuschter, als es noch weniger live Gesungenes gab - stattdessen kitschige Bühnenshows mit einem blumentragenden Kind, das einen Panzer stoppt. Scheußlich. 1999 dann in München bei MICHAEL JACKSON & FRIENDS der Höhepunkt: Nach einem Mammut-Programm an Vorgruppen trat Jackson nur 45 Minuten auf, und lieferte ein enttäuschendes Programm. Eine Steigerung davon hatte ich für die geplante THIS-IS-IT-Tour in London befürchtet…

Dabei ist Michael Jackson ein wirklich guter Sänger gewesen, der auch ohne permanenten Kitsch seine Songs mal in einem “abgespeckteren” Umfeld hätte wirken lassen können.
Auf OFF THE WALL erlebt man m.E. den authentischsten Jackson, den man hören kann.
THRILLER war erfolgreich, und ich liebe das Album ebenfalls, aber es ist tausendmal totgemixt und wieder neu abgeschnubbelt worden… …OFF THE WALL klingt noch viel ursprünglicher. Obwohl man ehrlich sein muß: von Anfang an waren die JACKSON 5 und THE JACKSONS Massengeschmack. Dennoch klingen für mich Michael Jacksons Stimme und seine Ausdruckskraft durch den Wust an gefälligen Massenprodukten der Musikindustrie hindurch.

Skurril war für mich -ab 1996 spürbar- wie Jacksons Fan-Kult durch Marketing-Fuzzis vor den Stadien und vor seinen Hotels unnötig künstlich angeheizt wurde. Das war lächerlich, und er hat das m.E. gar nicht nötig gehabt.
An echten Fan-Momenten gab es wahrlich genug: ich erinnere mich an viele Situationen, wie Frauen weinend am Straßenrand gesessen und “wowww! Seine Augen! Ich habe ihn gesehen!!” gewimmert haben. Das war gruselig. Michael Jesus.
Aber ich habe auch selbst kräftig mitgemischt. in Amsterdam habe ich 1996 zusammen mit anderen Fans die Moves zu THEY DON´T CARE ABOUT US performt, und wurde dabei prompt vom King himself vom Hotelfenster aus gefilmt. In den Tagen lief ich zudem mit einem BAD-Schal um die Stirn gebunden durch die Stadt, tanzte vor irgendeiner TV-Kamera, und war ein Wochenende lang in ganz Holland bekannt, wurde von Passanten auf der Straße erkannt.
Damals bin ich auch MJs Manager Bob Jones begegnet, der mir auf meine Anfrage hin seine Visitenkarte REICHEN LIEß.
Zurück unter Jacksons Hotelfenster, wurde ich Zeuge, wie er “mystisch beschriebene” Stofftaschentücher aus dem Fenster warf, mit Zeilen wie “I cannot stick my head out of the window - the sun is my enemy”. Fans kloppten sich darum (ich bekam die Dinger nur kurzzeitig zu fassen), und ein auf seinem Fahrrad vorbeifahrender, lästernder “Anti-Fan” wurde von Jackson-Anhängern mitsamt Rad in einen Busch geworfen.
Und dann meine persönliche Ent-Ikonisierung: Nachdem ich filmreif mit vielen anderen Fans hinter Jacksons Auto hergelaufen war, gelang es mir, ihn beim Herauskommen aus dem Amsterdamer Madame Tussauds um den rechten Arm zu fassen. Ich bin also ein Zeuge: er war ein Mensch, kein Engel, keine Projektion, womöglich auch kein Außerirdischer. Dabei muß ich sowas gebrabbelt haben wie “Michael! Touch me!”. Seine “Antwort” in seinen schwarzen Mundschutz genuschelt: “No!!”. Man mag es “Unterhaltung” nennen… ;)

Vieles um die Mega-Figur Michael Jackson war mir immer suspekt, und ich kann nur ahnen, wie merkwürdig es gewesen sein muß, in seiner Haut zu stecken. Dann aber wieder gab es auch dann und wann richtig gute, tiefgreifende Interview-Momente mit ihm, in denen ich meine, seine wahre kreativ-schüchterne Natur durchblitzen gesehen zu haben. Ich hätte ihm gern einmal persönlich gesagt, daß seine Musik Substanz hat, auch ohne Show-Effekte zu begeistern. Sie begleitet mich nun schon seit 22 Jahren, und so wird es weitergehen.
Frieden für Dich, Michael Jackson!

Jörg


Archaisches aus Norwegen

Veröffentlicht am: 16. April 2009, 3:02

Wieder einmal habe ich was auf die Ohren bekommen…
Ganz zart haucht zu Beginn von Nils Petter Molvaers pressfrischem Neuling “Hamada” eine Trompete, die direkt von einem der Engel am Tor des Paradieses aufgenommen worden sein könnte… …doch dann wird schnell klar, daß ich mich mit diesem Album auf einer Achterbahnfahrt durch wohlig düstere Täler, das Mordor in mir selbst, eine Welt wie aus den EUROPA-Gruselkassetten der späten 70er Jahre befinde.
Ich habe Schwierigkeiten, das Ganze einzuordnen. Jedenfalls soll es Jazz sein. Herr Molvaer sei ein “Innovator des Europäischen Jazz”, erzählt mir die Presseinfo.
Das glaube ich gern - denn für mich klingt das alles zunächst GAR NICHT nach Jazz. Es ist progressiv, es driftet durch viele ganz unterschiedliche Klangschichten, hier und da fliegen WorldMusic-Elemente an meinem Ohr vorbei.

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Düster ist “Hamada”, aber dabei dennoch warm. So, als besuchte ich bloß einen alten Kumpel, der sich nun mal inzwischen dafür entschieden hat, sein Geld als Führer von Höllenhund-Schlitten zu verdienen, in denen es sich eigentlich ganz gemütlich fährt.
“Hamada” ist zwischenzeitlich sogar samtweich, und immer wieder funkeln winzige Tröpfchen Hoffnung aus musikalischem Tau auf der Oberfläche der Klangdecke in mein Bewußtsein.

Die einzelnen Stücke fließen wie warme Milch ineinander und durch mich hindurch, manchmal so, daß ich mir ein wenig den Mund an ihnen verbrenne.
Meine Assoziationen reichen Anfangs von Genesis über Marillion, Mike Oldfield, bis zu Sven Väth.
Molvaer greift tief in die Repertoirekiste.
Die musikalische Speisekarte bietet ein breites Spektrum - sogar die gute alte Hammond-Orgel und afrikanische Bongos sind dabei.
Im letzten Drittel wird es dann wirklich düster. Harte Gitarren und Drums treiben mir muffigen Kuttengeruch und beißendes Benzin in die Nase. Ich befinde mich in einem John-Carpenter-Film, in dem Rocker eine ganze Stadt abfackeln. Die Band aus Norwegen zaubert Irgendwas zwischen Dream Theatre und Nine Inch Nails. Was wohl mein alter Schulkumpel “Gülle” dazu sagen würde, der früher die Endzeit-Plattencover für “Morgoth” illustriert hat…?
Ein seltsam ansteckender musikalischer Totentanz, in dem immer wieder neue Tonstränge auftauchen und gleichzeitig andere in die Unendlichkeit abreißen. Mittendrin als Roter Faden eine Art “Trompete von Jericho”, die den Weg zu kennen scheint. Abgefahren!

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Ab dem 17.04.09 werden Nils Petter Molvær (Trompete), Eivind Aarset (Gitarre) und Audun Kleive (Drums) mit dem Programm auf eine ausgedehnte Tournee gehen.

Nils Petter Molvaer Live in Deutschland:

17.04.09, Hamburg, Fabrik
20.04.09, Halle, Neue Oper
24.04.09, München, Ampere
25.04.09, Rüsselsheim, Theater
01.05.09, Wolfsburg, Autostadt
02.05.09, Rottweil, Alte Stallhalle
04.05.09, Mannheim, Alte Feuerwache
22.07.09, Kassel, Kulturzelt
26.07.09, Frankfurt, Gelände am Liebighaus
(mehr Daten im November)

Artistpage:http://www.nilspettermolvaer.de
Myspace-Profil:http://www.myspace.com/nilspettermolvaer

Bericht: Jörg Buschka
Fotos: Anja Basma