Buschka entdeckt Deutschland

Archive for August, 2009

Folklore 009

Erschienen im August 2009

Mensch, Kinder, schon wieder´n Jahr rum - am Wochenende bin ich erneutest auf dem Folklore-Festival-Gelände in Wiesbaden flaniert. Diesmal mit dem Focus auf Leute-Treffen anstatt Konzerte schauen. Das Besondere wie immer: die Mischung aus Jahrmarkt und Open Air Festival bietet angenehmes Flair für Einzelentdecker, kleine Gruppen, und eben auch ganze Familien. Neben dem offiziellen Programm hat das Zusammensein derart unterschiedlicher Besucher für mich vor allem seinen Charme durch die jungen Familien. Kinder, die einfach zufrieden spielen, nörgelnd um buntes Ökospielzeug von ´nem Stand betteln, oder applaudierend Spaß an einem der kindgerechten Bühnenprogramme haben. Meine Beobachtungen: der Freitagnachmittag begann für Festivalhungrige leider zunächst mit einer bösen langen Schlange am Einlaß. Da entstand - trotz aller guter Gesamtorga - ein Nadelör, über das sich Viele später genervt bei Drinks, leckeren Multi-Ethno-Snacks oder sensationellem Bio-Eis im Gespräch ausließen. Mißfallen über “zu viele kleine Stände” kann ich hingegen nicht verstehen; im Gegenteil: besonders der immer noch etwas stiefmütterlich besuchte Bereich hinter dem Schlachthof erstrahlte in diesem Jahr durch die schmucke Kleinkunst-Bühne (gut; da fand auch Poetry Slam statt, was ich persönlich weniger mag), einer Elektro-Area im kueschlischen Sand, ´ner Reihe weiterer kulinarischer Angebote, im Military-Look ausstaffierte Reggae-DJ-Turntables, sowie der Open-Stage-Kreativfabrik-Bühne in einem ganz neuen Licht. Die bauliche Veränderung des Geländes vorm Turm gefällt mir allerdings nicht. Fast schon stalinistisch tradiert anmutende, lange Betonklötze - treppenförmig angelegt - sollen zum Sitzen einladen (stattdessen Hämmorhoiden- und Blasenentzündungs-Gefahr). Was hat die Stadt da bloß angestellt? Gut, kann Folklore ja nix dafür. Fettes Brot habe ich mir am Abend auszugsweise angeschaut; Thema u.a. “Stasi 2.0″. Alles perfekt; Technik angenehm, Band in Hochform, Stimmung auf´m Platz! Die Hauptbühne stand dieses Jahr für das Gelände gesehen optimal - für die Stände am Eingang allerdings manchmal störend; gemütliches Flanieren litt teilweise unter der Lautstärke vom Konzert. Im Schlachthof selbst war ich kaum, weil mich persönlich - trotz des richtig (!) guten Musik-Angebots wie z.B. rumänischer Klezmer-Mucke aus Berlin - bei ´nem Open-Air-Festival eben eher das Außengelände reizt. Natürlich bietet sich logistisch die Kombi perfekt an. Bei ´ner Mini-Stippvisite in der Räucherkammer war´s mir zu stickig. Obwohl das Rauchen in solchen Bereichen inzwischen verboten ist - die Luft stand zu sehr und roch säuerlich nach allen Schweißsorten des Universums. Tolles Feature ´09: ein Erlebnis-”Flug” in einer krangehobenen Kabine bis hoch oben über der Hauptbühne. An der Neugestaltung des Geländes gefallen mir die beiden großen Sandflächen, die es flankieren. Eine als Kulisse der schon erwähnten Elektro-Area (samt Tipis), die Andere direkt hinter dem Eingang, ebenfalls von Tipis gesäumt. Im übrigen Jahr zum Beachvolleyball gedacht - mit entsprechender fester Pfosteninstallation. Da haben die Stadtväter mitgedacht! Ebenso bei den metallverstärkten Skaterblöcken in unmittelbarer Nachbarschaft.
Zurück zum Geschehen: nach Fettes Brot bot sich mir auf der großen Bühne eine Kabarettveranstaltung dar, die ich nicht verstand. Eine schwarze, über die ganze Bühne gezogene Wand, in deren Mitte sich eine weiße Tür befand. Daraus kamen lustig Personen mit schwarzen Koffern, gingen wieder hinein, änderten ihre Gangart, schlurften aneinander vorbei, oder standen zusammen und sangen russische Lieder. Als Kulisse zum lockeren Kennenlernen zweier aparter Eisenacher Damen erwies sich mir der Auftritt dann aber immerhin als hilfreich. Highlight am Samstag waren für mich auf der großen Bühne die Lokalmatadoren Frau Doktor, die im noch bei Tageslicht stattfindenden Vorprogramm von Mediengruppe Telekommander die Festivalmeute zum Springen brachten. Wagner Love habe ich leider verpaßt - zum Trost sehe ich die gut rockenden Jungs privat so ziemlich jedes Wochenende im Gestüt Renz. Die Mediengruppe mag isch net. Beastie-Boys auf Deutsch, gingen mir vor Jahren schon auf´n Keks, und so war´s auch dieses Jahr. Hab´in der Zeit am Newcomer-Stand von Clöeb und Fasan mit Kollegen und netten Partymäusen geplaudert, und Leckeres vom traditionellen Edel-Afghanen geknuspert. Danach auf der großen Bühne die Hammer-Lachshow von Maschek. Drei Jungs intonieren TV-Berichte neu, z.B. die Einweihung einer Halle durch den Papst samt “nachsynchronisiertem” Kinderchor. Klar ein Höhepunkt des Festivals. Das Trio Sorrentino ebenfalls der Knaller, und unterwegs auf de Gass Theater Gajes, eine Horde brüllend komischer szenemachender Holländer Stelzenläufer in schrägen Westernklamotten und die bezaubernden Pilze vom Theatre de la Toupine. Getränke-Muß: der leckere Club-Mate bei den Freunden vom Chaos Computer Club (nebbe de Kreativfabrik). Am Sonntag kam ich quasi zu spät. Um die große Bühne herum Rockabillies und Teds, Mussik von den Londonern Kitty, Daisy & Lewis. Stimmung weltklasse. Knappes Fazit: Musikprogramm (kann ich dieses Jahr kaum beurteilen; soweit ich´s mitbekommen habe aber:) vielfältig, also erfolgserprobt und auch genügend Neues (was viele riesige Straßenfeste wie das Darmstädter Schloßgrabenfest inzwischen nicht mehr haben; stattdessen nur totgeleiertes Coverzeugs). Gelände steriler und kühler durch die finale Gestaltung der Stadt Wiesbaden, allerdings schön belebt durch die neue Stände-Aufteilung der Folklore-Veranstalter. Auch im dritten Jahr nach Folklore im Garten kann das erweiterte Schlachthofgelände das Schloß Freudenberg für mich einfach nicht ersetzen, aber wenn es darum geht, hier durch Programmgestaltung und nach wie vor superfaire Eintrittspreise (kein Vergleich zum “elitär” gewordenen Open Ohr in Mainz) eine besondere, bunte Atmosphäre zum Wohlfühlen und Erleben zu schaffen (und das Ding war ja auch bis auf Sonntag wieder richtig gut besucht!), dann ist das 2009 wieder absolut gelungen!

Bericht: Jörg Buschka