Schuld am Feiern
Für einen Moment war es so als ob. Gleich würden sie mit fettem Bass “Es wird Regen geben!” verkünden. Wie 1993 halt, da hab´ich sie in der Messehalle Kassel gesehen. So jung wie die Fantastischen Vier jetzt Donnerstagabend im Dortmunder FZW mit dem neuen Stück “Wie Gladiatoren” die Bühne betraten, haben sie jedenfalls schon lange nicht mehr ausgesehen. Nur das ausschließliche Teeniegeschrei von damals ist etwas abgeebbt. Nu sind auch jede Menge Fast-Vierziger-Senioren wie ich dabei.
Der Gig war der letzte von drei exklusiven WarmUp-Shows im seltenen Club-Ambiente, nicht mal eine Woche nach der Veröffentlichung des neuen Albums “Für Dich Immer Noch Fanta Sie”. Vor den großen SommerOpenAirs und der HerbstTour wurden die Songs mit Live-Band zum ersten Mal vor Publikum gespielt.
Auf der für die Deutschrap-Papas vergleichsweise kleinen Bühne glänzte ein zweistöckiges, rechteckig unterteiltes LED-Arrangement mit einer zweiten Ebene in der Tiefe. Für die Frontmänner Michi Beck, Smudo und Thomas D. um ihren “Paten” Andy Ypsilon fast schon minimalistisch, aber tres superchique zu ihrer Performance.
Gleich beim zweiten Stück, der aktuellen Single “Gebt Uns Ruhig Die Schuld (Den Rest Könnt Ihr Behalten)”, gab´s die gesamte LED-Leuchtpower auf die Augen des gut gestimmten Feiervolks - und der Song ging entsprechend ab, als wär´s ein Klassiker wie “Populär”. Glanzstart.
Es war ein wirklich kuscheliger Abend mit ca. 1.400 Zuschauern.
Nachdem ich mich mit den am Eingang kennengelernten original Dortmundern Kerstin und Sven zum Kopfnicken und Hüpfen in die Crowd gestürzt hatte, war ich vor allem neugierig, wie weit sich eine echte Clubatmosphäre einstellen würde - eben auch mal deutlich weg von einstudierter (wenn auch gewohnt guter) Performance der Herren Rapper hin zum Quatschen mit der Ersten Reihe bzw. untereinander. “Tuchfühlung” hielt sich mit “Pflicht-Programm” am Ende in etwa die Waage. Es wurde einem Paar im Publikum zum Hochzeitstag gratuliert, von Smudo traditionelles StageDiving gepflegt, und sich eben lustigst mit Leuten in den vorderen Reihen ausgetauscht oder “in der großen Runde” bekanntgegeben, daß während der “tollen (fast-) Woche in Dortmund” entgegen gängiger Tour-Klischees natürlich keine Drogen konsumiert worden seien. “Außer vielleicht was geraucht”, wie Thomas einwarf. Den durch die Bank inzwischen häuslich gewordenen Vätern glaube ich das aufs Wort.
Offensichtlich am meisten Spaß mit sich und der Welt hatten die Jungs ausgerechnet beim lauschigsten Stück “Tag Am Meer”. Smudo fiel vor Lachen fast die Handtrommel (oder wie das heißt) mit dem Sand aus der Hand. Der Song klang dadurch nicht weniger intim, schmusig vertraut eben. Seit 16 Jahren schaukeln uns diese Soundwellen jetzt schon sanft die Popos am imaginären Strand in die Höhe, it´s magic! Backflash 1994.
Der übliche Fanta-Party-Wahnsinn breitete sich wie immer bei “Picknicker” und “Was Geht” aus - die Hütte tobte bis unner de Deck - es war voll, aber ohne totales Gedränge. Superangenehm.
Auch Einiges vom Vorgänger-Album “Fornika” und den neuen alten Klassiker “Troy” gab´s zu hören.
Das wirklich Besondere dieses Club-Gigs: die neuen Songs waren noch so frisch, daß sie trotz der punktgenauen Choreografien und gewohnten Professionalität der Altmeister hier und da textlich hakten. Das war die Authentizität, die ich persönlich sehen wollte - teilweise gefühlt eben noch wie mitten in der Probe.
Über das Set verteilt gab es 11 der 16 neuen Songs zu hören, darunter zwei größere Blöcke. Neben sofort gefeierten Selbstläufern wie der Thomas-D.-Nummer “Mantra”, dem großartig intonierten FastRap “Smudo In Zukunft”, und dem perfekten Schlußtrack “Was Wollen Wir Noch Mehr” wollten auch weniger eingängige Songs gespielt werden. Während das bombastelnde “Kaputt” ebenfalls schnell Freunde fand, hatten es “Die Lösung” und “Junge Trifft Mädchen” nicht ganz so leicht. Letzterer allerdings in der Live-Version deutlich stärker als auf dem Album. “Garnichsotoll” plätscherte für mich noch ein wenig vor sich hin, dafür hatte der Club bei “Dann Mach Doch Mal” eine neue Fanta-Hymne: “Jeder würd´es machen, wenn es einfach wär!”.
Gespielt wurde fast genau 2 Stunden. Am Premierentag zwei Tage zuvor hätten die Herren allerdings deutlich länger gespielt, verriet mir Jemand von der Garderobe. “Hömma, et gibt wohl immer wat zu meckern”, meinte eine dazugekommene Backstage-Maus gleich, und hatte natürlich Recht… Das neue Album gefällt mir super, es ist offener und experimentierfreudiger als sein Vorgänger “Fornika” - und den Shows der erfolgsgekrönten sprechsingenden Männer tun die neuen Stücke wirklich gut.
Der Festival-Sommer kann kommen!
Bericht: Jörg Buschka

![Validate my RSS feed [Valid RSS]](http://www.buschka-entdeckt.de/valid-rss.png)