Buschka entdeckt Deutschland

Buschka entdeckt Afrika!

Gespeichert unter: Allgemein — 10. Dezember 2008 @ 16:01

Als ich im Rahmen meines Studiums meine ersten Filmprojekte realisierte, gab es da einen Lehrbeauftragten Roland, der mich wegen der geringsten Kleinigkeiten zusammengsch… hat. Kabel falsch zusammengelegt, blöde Frage gestellt (da würde ich heutzutage ja ständig eins drüber kriegen ;)) - zack! Aber Roland hat der Welt auch Gutes getan… …er arbeitete u.a. als Projektmanager für den Künstler und Roncalli-Mitgründer André Heller, für dessen Projekte er Studenten rekrutierte. Hellers Projekte sind manchmal erstaunlich “greifbar” und geradezu “praktisch” angelegt wie der begehbare WM-Fußball 2006, aber sie sind oft auch Ausflüge in die Fantasie und die Urbereiche des menschlichen Erlebens. 2005 feierte in Frankfurt am Main das faszinierende Zirkus- und Musikprojekt “Afrika! Afrika!” Premiere - und genau dort habe ich mir letztes Wochenende die Hallenversion in der Festhalle angeschaut.

Eines ist vorweg zu sagen: die positiven Kritiken überschlagen sich nicht ohne Grund! Auf der Hallentour gibt es in Deutschland nun letztmalig die Chance, eine so noch nie dagewesene Mischung aus musicalartig arrangierter afrikanischer Musik und den besten Artisten des Schwarzen Kontinents live zu erleben.
Unter der Leitung von William Ramsay und mit dem gesanglichen Charme und der Power der Solosängerin Ntombifuthi Pamella Mhlongo präsentieren ausschließlich afrikanische Musiker ein großes Programm energiegeladender Stücke - kraftvoll, herzlich und authentisch, und gleichzeitig als Show auf die Bühne abgestimmt.
Die über zweistündige Show mit 150 Künstlern aus allen Teilen Afrikas besticht durch ein Feuerwerk an Lebensfreude und erlesenen Darbietungen, die nicht nur locker mit internationalen Zirkusproduktionen “mithalten” können, sondern dabei eben auch reichlich exotische Komponenten beinhalten, und teilweise weltweit einzigartige Highlights sind.
Die feste, an ein afrikanisches Steppendorf erinnernde Bühnendeko aus Bambus, Bast und traditionellen grafischen Zeichendekors, gemischt mit unzähligen nummernspezifischen, blitzschnell ausgetauschten Elementen bis hin zu wie Palmen fungierenden Stangen und einem amerikanischen Basketballfeld, korrespondiert perfekt mit den fast minütlich wechselnden, üppig ausgestatteten Tanzgruppen, von denen mir selbstredend die verführerisch popowackelnden Ladies mit ihren urtümlichen Tänzen in Erinnerung bleiben werden - hübsche Gazellen, die beim Popo-Präsentieren energisch und blitzschnell abwechselnden Fußes auf den Boden “stampften”.

Die Künstler kommen z.T. aus afrikanischen und internationalen Zirkusschulen, wurden aber auch “von der Straße weg” und nach Castings in Afrika von Hellers Talentscouts engagiert.

Leider klebte das Frankfurter Publikum weitestgehend auf seinen Plätzen, was der tollen Show keinen Abbruch tat. Schade nur, wo es doch - wie mir eine Vertreterin des Veranstalters mitteilte - z.B. in Luxemburg die Menschen fast ausschließlich von den Stühlen gerissen hat. Über der wie eine große Hütte arrangierten Hauptbühne, um die herum sich die meisten der Musiker befanden, gab es auf drei Monitoren jeweils passende Grafiken und Animationen zu sehen.
Eine der beeindruckendsten Nummern waren für mich die Menschenpyramiden aus Gabun und Tansania.
Die Gabuner-Pyramiden “stürzten” schließlich aufeinander-zu-fallend regelrecht ineinander zusammen - was nicht nur mir einen gehörigen Schrecken versetzte.

Neben der besagten klassischen Jonglage-Nummer wurden auch Keulen und sogar ganze Tische (nur von Füßen bewegt) jongliert.

Und obwohl die in dieser Show dargebotene Contorsion die beste ist, die ich bis dato erleben durfte, mußte ich ein paar mal wegschauen. Frau Buthelezi aus Südafrika schaffte es tatsächlich, sich wie ein Korkenzieher auch noch seitlich zu verdrehen, daß es einem Angst und Bange wurde. Wie mir der Veranstalter mitteilte, haben die Kollegen von “Planetopia” mit ihr Aufnahmen im CT durchgeführt, die belegen sollen, daß die Künstlerin bisher noch keine bleibenden Schäden davonträgt.

Und wieder Menschenpyramiden. Toll anzuschauen, wie aus einem herrlichen “Gewusel” auf den Punkt gebrachte, exakte Positionen entstanden.

Die “Stangenmenschen” aus Tansania und Südafrika kletterten blitzschnell - teils sogar zur Musik rhythmisch choreografiert - metallene “Palmen” hoch und herunter, sprangen in schwindelnder Höhe kopfüber von Stange zu Stange, und boten dazu noch einen beeindruckenden Formationstanz.

Neben den Basketball-spielenden Einradfahrern durfte vor allem die richtig gute Breakdance-Nummer nicht fehlen! Denn: was wären die Tanzszene der Bronx und die unzähligen Hip-Hop-Formationen in Musikvideos ohne die afrikanischen Einwanderer? Was wäre Michael Jackson in den 80ern ohne seine Vorbilder von der Straße gewesen?

Die Zeltvariante habe ich leider nicht kennengelernt - und so ist mir als einziger Wermutstropfen in der Hallenversion aufgefallen, daß (zumindest in der Frankfurter Festhalle) die hintersten Plätze so weit weg von der Bühne platziert waren, daß z.B. die Jonglage-Nummer mit Bällen wohl nicht mit bloßem Auge erlebbar gewesen sein wird. Die Monitore lieferten leider keine Übertragung der Show - was den entfernter sitzenden Zuschauern bei einigen Einlagen zugute gekommen wäre. Die meisten Darbietungen setzten aber auf Ensembles, die auch von Weitem gut sichtbar gewesen sein dürften. Darunter auch die als Gesamtarrangement am besten erlebbare Stepp-Darbietung aus Südafrika, die eindrucksvoll auf den Kreislauf der “Blutdiamanten” aufmerksam machte: Zwei in edle Smokings gekleidete Lords führen dabei eine Gruppe Tänzer an, die wie Arbeiter aus einer Diamantenmine gekleidet sind.

Meine Lieblingsnummer war eindeutig die “Wasserexzentrik” und Topfjonglage von John Kwaku Amamoo. Er jonglierte zunächst auf einem aufgespannten Regenschirm eine kleine runde Wanne, und spie dann Wasser in die Luft, das - durch den Aufprall im Gefäß und durch die Drehung rasch verteilt - wieder über ihm herunterregnete. Doch damit nicht genug: gemütlich auf dem Boden sitzend, reichte ihm seine bezaubernde Assistentin Yaa Stéphanie Oppong Wanne um Wanne, die er an kleinen Stangen an seinen Schuhen, aus seinem Mund, in den Händen etc. ständig in freischwebender Drehbewegung hielt. Die mir vorliegenden Fotos zeigen sieben dieser Wannen in gleichzeitiger Bewegung, aber ich bilde mir ein, daß er es sogar auf 10 Stück (!) gebracht hat! Wahnsinn!

Natürlich kann ich hier nur einen kleinen Ausschnitt der vielen Darbietungen wiedergeben.
Grandios dann auch das Finale, bei dem nochmal alle Teilnehmer zusammen auf der Bühne fahnenschwingend tanzten und “herumwirbelten”. Einige strömten sogar ins Publikum - in dem Moment verschwand selbst der Frankfurter “Stock im Arsch”, die Zuschauer standen auf, und drängten vor die Bühne! Wie muß die Show also erst sein, wenn das die ganze Veranstaltung über passiert?

Wow! Was für ein Abend! Mir persönlich hätte die Musik bloß noch etwas urtümlicher arrangiert werden können (was den Kostümen und dem Design auf ganzer Breite gelang). In Passagen mit original belassenen Traditionals fühlte ich mich tatsächlich in eine andere Welt versetzt - doch dann klang vieles doch wieder sehr am europäischen Geschmack orientiert - bis hin zu Interpretationen bekannter Stücke mit leicht afrikanischem Einschlag. Die kraftvolle Musik, exzellente Artistik von sichtlich lebenslustigen Menschen, und mitreißende Tanznummern - und immer wieder dieses herrliche, ansteckende “Stampfen” - haben mir tatsächlich für ein paar Stunden das geschenkt, was der Veranstalter am Schluß den Zuschauern per Monitor wünscht: ein fröhliches Herz!

Die sensationelle Hallentour ist noch bis zum 8. März in Deutschland unterwegs.
Infos gibt´s auf der Offiziellen Website

Bericht: Jörg Buschka
Fotos: Katrin Kaufmann, Sabina Sarnitz

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