Gib mir den Samba!
(dieser Artikel enthält Fotos, die aber offenbar von manchen Browsern nicht dargestellt werden:)
Ja, bei mir zuhause finden sich irgendwo auch Alben von John Coltrane, Herbie Hancock und De Phazz. Und ich war in Frankfurt mal Montags bei einer dieser berühmten Jam-Sessions dabei. Und auf diversen Helge-Schneider-Konzerten, die eben nicht bloß aus Comedy bestehen. Aber ich kenne mich im Jazz weder aus, noch könnte ich in zwei Sätzen beschreiben, was das ist.
Als ich aber von Till Brönners neuem Album “Rio” erfuhr, wurde ich neugierig - denn ich habe zum gigantischen Millenniums-Silvester 1999/2000 die wilde Stadt am Zuckerhut kennengelernt, und liebe seitdem Samba und Bossa Nova!
Der “bestverkaufende Künstler in der deutschen Jazz-Geschichte” präsentiert auf “Rio” - pünktlich zum 50jährigen Jubiläum der Bossa Nova - ein brilliantes Programm weniger bekannter Stücke, für die er Weltstars wie Sérgio Mendes, Milton Nascimento, Melody Gardot, Kurt Elling, Annie Lennox, Aimee Mann, Vanessa da Mata, Luciana Souza, Larry Goldings und Marcos Suzano gewinnen konnte. Und: auf meinem Lieblingsstück des Albums, “Só danço samba”, singt er zum ersten Mal selbst portugiesisch.
“Rio” hat mich vom ersten Moment an auf eine emotionale Reise mitgenommen. Während es sich in Deutschland gerade endgültig “ausgesommert” hat, hüllt Annie Lennox den Zuhörer des ersten Stückes sofort mit ihrer mächtigen Stimme ein, und zaubert mit “Mistérios” - begleitet vom sehnsüchtig-melancholischen Gesang Nascimentos - die Stimmung eines sommerlichen Abendspaziergangs am Strand durch die heimischen Boxen. Jazz verführt das Ohr hier ganz leicht, viel eleganter als gewöhnlicher, fetter Pop, der in den meisten Fällen den “Haupteingang” nimmt, und durch seinen Elefanten-Bass alle Aufmerksamkeit an sich reißt, ohne das Herz zu gewinnen.
Ganz behutsam verdienen sich Gesang und Gitarre als Hauptelemente meine Aufmerksamkeit, Percussion, Hintergrundgesang, Piano und schließlich Brönners Trompete kommen hinzu.
Und doch will das Album neben Jazz und Bossa Nova auch Pop sein.
“O que será” orientiert sich zwar an Chico Buarques Protest-Texten und Kompositionen gegen die brasilianische Militärregierung der 70er Jahre, hört sich aber sehr frei und lebensfroh an, und läßt mich mit seinem Rhythmus und durch Vanessa da Matas wundervoll gehauchtes Brasilianisch fröhlich auf meinem Schreibtisch-Stuhl wippen. In Gedanken unterwegs mit der kleinen Straßenbahn über das Aquädukt “Arcos da Lapa” zum Bergviertel “Santa Teresa”.
Dort habe ich 1999 mit Freunden in einem Club getanzt, in dem tagsüber Möbel verkauft wurden. Genau dorthin würde auch das dritte - eben schon erwähnte - Stück “Só danço samba” passen.
Spätestens seit dem Film “Magnolia” kennt man Aimee Manns sanfte Stimme, die “Once I loved” seine Tiefe gibt. Till Brönners Trompete umspielt sie verträumt, und erzählt schließlich selber eine Geschichte von Liebe und Sehnsucht.
Eine Stimmung, die Milton Nascimento und Luciana Souza in das Stück “Evening” mitnehmen. Momente wie der Blick vom Berg “Corcovado” auf die schönste Stadt der Welt, wenn am Abend nacheinander alle Lichter angehen, und das brandgefährliche Rio de Janeiro so schön und friedlich aussieht, wie man es von zahlreichen Postkarten und Reisedokus kennt.
Die Trompete übernimmt bei “Ela é Carioca” die Regie, und “singt” zusammen mit dem großen Sérgio Mendes, der mich endgültig in Rio ankommen läßt. Das ist brasilianische Leichtigkeit, die daherkommt wie “Girl from Ipanema” - ebenfalls aus der Feder von Antônio Carlos Jobim. Schöne Körper flanieren an der Promenade, Touristen trinken “Agua de Coco” am Strand.
Melody Gardot nimmt mich auf “High Night” mit in die verlassenen Straßen von Rio, die es (wie mein Hostel-Kumpel John aus New York und ich auf dem Nachhauseweg nach Copacabana feststellen mußten) sonntagmorgens wirklich gibt - dann fährt nicht mal ein Taxi vorbei, das man anhalten könnte.
Auf “Café com Pão” (Kaffee mit Brot) singt Till Brönner wieder selbst. Ein Stück über die Poesie des Alltäglichen in Brasilien, die einfachen Dinge, die das Leben ausmachen. Leicht wie Kaffee und Kuchen (oder Brot).
Auf dem Instrumental “Lígia” kommt mir Brönners Trompete emotional besonders nah; Das Stück erzählt von der Verehrung einer Frau.
Das flehende “Sim ou não” ist trotz seines behutsamen Tempos dramatisch. Kurt Elling singt mit eindringlicher Stimme zwischen Verzweiflung und Hoffnung.
João Donatos “A rã” (Der Frosch) ist sofort im Ohr zuhause. Wie eine Hymne Rios, wie der erste Schluck vom brasilianischen Zuckerrohrsaft, ist das Stück ein perfekter, verspielter Botschafter brasilianischer Lebensfreude. Die Trompete singt wieder in gleicher Reihe mit den Bossa-Nova-vocals, die ihren typischen sich wiederholenden SingSang formulieren, ihr Rio in Tempo und Atmoshpäre wie zum Karneval feiern, und Fernweh verbreiten.
Brönner besingt und bespielt schließlich auf “Bonita” eine mysteriöse Frau, die so verführerisch sein muß, daß er nicht müde wird, um ihre Liebe zu werben, ihr anbietet, sich “zum Clown” zu machen. Wer einmal Brasilianerinnen beim Tanzen beobachten konnte, wird ihn verstehen.
Mit dem leichten und verspielten “Aquelas coisas todas” klingt dieses großartige Album aus, mit dem Brönner seinen Einstand auf der Internationalen Bühne feiert.
Die 13 Stücke haben mir wirklich wieder meinen Brasilien-Besuch ins Herz zurückgerufen, und ich versuche mich gerade zu erinnern, was das für Süßigkeiten waren, die der Bauchladen-Mann da vor der Neuen Kathedrale im Herzen Rios verkauft hat… Gleich nochmal hören, das Ding!
DER TRAILER ZUM ALBUM “RIO” AUF YOUTUBE
Till Brönners Website
Label Website
Till Brönner auf MySpace
Die “Rio Live” Tour 2008:
08.11.08 Salzburg [A] Salzburger Jazz Herbst
25.11.08 Düsseldorf Tonhalle
26.11.08 München Philharmonie
28.11.08 St. Pölten [A] Festspielhaus
29.11.08 Baden-Baden Festspielhaus
30.11.08 Darmstadt Darmstadtium
08.12.08 Hamburg Laeiszhalle - Musikhalle [20:00]
09.12.08 Berlin Philharmonie
10.12.08 Dortmund Konzerthaus
11.12.08 Bremen Glocke
13.12.08 Kiel Kieler Schloss
Bericht: Jörg Buschka
Fotos: Verve/ Universal Music Jazz
















Was billigste Gossenblätter beider Länder heraufbeschwören wollen, existiert in Wirklichkeit nicht - im Gegenteil: Deutsche und Polen haben Vieles gemeinsam und kommen sensationell miteinander aus! Bestes Beispiel: Buschka begleitet eine deutsch-polnische Studentengruppe zum Feiern am Rheinufer. Klischees werden aufgerollt über die angeblich nicht “kälteerprobten” Deutschen und die dem Alkohol nicht abgeneigten Freunde aus Polen. Fakt ist, daß der aus Deutschen und Polen bunt zusammengewürfelten Gruppe an diesem Abend ein paar Flaschen Bier durchaus schmecken. Jan und Buschka müssen miterleben, wie ihre Ausrüstung nach und nach den Drehschluß diktiert: zuerst ist das Licht weg, und dann gibt der letzte Kamera-Akku den Geist auf. Bevor der aber “durch” ist, dokumentiert das standfest mitgeführte Digitalgerät noch einige Minuten der heiteren Gespräche, “Ogurek”-Gesänge und “Schulza”-Rufe (als “Reaktion” auf Buschkas Schluckauf). Europa am Rhein!
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