Buschka entdeckt Deutschland

Folklore im Viereck, Folklore konzentriert

Gespeichert unter: Allgemein — 3. September 2008 @ 23:32

Am Wochenende war ich zusammen mit der bezaubernden Maria, die die Fotos gemacht hat, auf dem Wiesbadener Open-Air-Festival “Folklore”.

Für wirklich fair gestaffelte Ticketpreise (Fr. 8, Sa. 7, So. 5 Euro) gab´s ein fettes, abwechslungsreiches Programm im hauptsächlich alternativen Ambiente rund um den “Schlachthof” in der Nähe des Hauptbahnhofs. Auf vier Bühnen (2 im Schlachthof, 2 draußen) fand vom Großen Mainstream-Rock über Poetry Slam, Comedy, Reggae, einen “Rammstein-artigen” in Seemanskleidung gehüllten Gröhlsänger, Speedmetal, Funk, Emo und Funpop alles statt, was man sich neben Stände-Schlendern und zwischen-Tipis-und-plantschenden-Kindern-zu-Island-Beats-in-der-Sonne-Chillen so wünschen kann. Neben weiteren Lounges und Ständen mit eigenem Musikprogramm. Mir wurde bloß wieder überall viiiel zuviel gequalmt, und es war ein bißchen schade, daß eine Anwohner-Anzeige wegen Lärmbelästigung dazu geführt hat, daß nach 23h draußen keine Konzerte mehr stattfanden. Gleich am Freitagabend gab´s ein super Programm: Nach einem für meinen Geschmack etwas zu depressiv nölenden Roman Fischer machten die Headliner “Sportfreunde Stiller” wieder gute Laune. Hatten sie auf ihrer Hallentour auf der bisherigen Höhe ihres Erfolgs die Gigs noch eher ein wenig heruntergeschrammelt, waren sie bei uns auf der Parkbühne in bester Festival-Laune.

Das Trio von “Stage TV” folgte mit einer Mischung aus klassischer Artistik, Komik und Performance Art. Die Dame und zwei Herren verzauberten mit bunten, animierten 2- und 3-D-Projektionen, die sie auf ihre weißen Overalls, Leinwände, Schiebekulissen und Hintergründe (als Rückpro) fallen ließen. Parallel lief das Programm auf der Schlachthof-Bühne und in der “Räucherkammer”. “The Kilians” trieben mich mit ihrer Musik wieder rückwärts aus der Halle heraus, und die hippen Berliner “Mediengruppe Telekommander” konnte ich leider nicht sehen. Topact am Samstag waren die alten düster-bombastischen Koblenzer Meister “Blackmail” um Sänger Aydo Abay, der die Menschentraube vor der Parkbühne in seinem Bann hielt. Außer mir schien´s allen zu gefallen - mich erinnern die Arrangements mit der Jaulstimme im gepreßten American English zwar angenehm an Placebo, aber ich habe mit englisch singenden deutschen Bands ohne Native Speaker generell ein Problem… Danach gab´s am gleichen Platz einen nervenden Achim Knorr, dessen Komik komplett an mir vorbei kunstete. Auf dem Gelände liefen an allen Tagen außerdem mehrere “bewegliche Kleinkunst-Projekte” ab, u.a. eine dreist-kauzige Gruppe alter Ladies, die mit ihren “zeitlosen” Blümchen-Kleidern sogar die Konzertbühne einnehmen wollten, und ein Theater-Ensemble aus zweimenschgroßen buckligen Fantasyfiguren, die den Besuchern neugierig ihre großen Köpfe und Riesenhände entgegenstreckten. Bei den Ständen ist mir eine Initiative gegen die erbärmlichen Zustände der Massentierhaltung aufgefallen, die zudem dazu aufrief, gänzlich auf Fleischkonsum zu verzichten. Um sich “für einen Moment auch mal selbst als Konsumware fühlen” zu können, präsentierte der Verein einen Grill mit (künstlichen) verkohlten menschlichen Gliedmaßen. Durchaus angemessen, finde ich, wenn man z.B. mal den Film “We feed the world” von Erwin Wagenhofer gesehen hat…

Auf der Hallenbühne verschreckten mich der bereits erwähnte “Seefahrer” samt Band “Rummelsnuff” zwar ein wenig, aber die funkigen “Sweet Vandals” sorgten danach mit der hüftschwingenden Sängerin Mayka Edjo für rhythmische Bewußtseinserweiterungen.
Am Sonntag fiel mir die Kinderband “Speed” aus lauter11jährigen auf, die mit rotzfrechen Sprüchen und harten Gitarrenriffs die Hütte rockten, und ihr kleines Repertoire gleich doppelt spielten. Um es vorweg zu nehmen: die als krachender Abschluß des Parkbühnen-Programms angekündigte israelische Klezmer-Punk-Band “The Apples” erinnerten mich eher an Jazz mit draufgesetzten Beats. Technisch ordentlich gemachte Musik mit der einen oder anderen Emotion, aber kein Highlight.
Meine klaren Folklore-Favoriten dieses Jahr waren “Stereo Total”, die schon um 18h den Platz zum Toben brachten.


Zum exaltiert-frankoesken Nuschelgesang von Francoise Cactus manipulierte Band-Kollege Brezel Göring die Ohren des johlenden Publikums per Keyboard, und erzeugte in der Menge durch gekonntes Arschwackeln in seiner schwarzen Lackhose gellende Mädchenschreie und Pfiffe der Extase. Zu “Liebe zu Dritt” bekamen die Beiden tanzende Unterstützung einer begeisterten blonden Steckfrisur-Barbie aus dem Publikum, und bei “Wir tanzen im Viereck” hüpften gleich mehrere Zuschauer auf der Bühne mit herum. Cactus spielte wieder mal ihre pinkfarbene Herzgitarre, und Göring schwebte zwischendurch mit nassen Haaren auf einem Meer von Händen - ein Fest für Aug und Ohr!


Danke Wiesbaden - danke Folklore!

Bericht: Jörg Buschka
Fotos: Maria Ekoutsidou; “Sonnenblumen-Foto”: Judith Karl

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